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„Politik muss an Geschwindigkeit gewinnen“

Verlässliche Mobilität ist eines der wichtigsten Zukunftsthemen. Alle Verkehrsträger sind gefordert, sagt VDR-Vizepräsident Ralph Rettig im "Gespräch der Woche" mit dem Magazin Travel Tribune. Bundes- und Europapolitik, Automobile Mobilität, Bahn und Fernbus, Flug
„Politik muss an Geschwindigkeit gewinnen“  VDR-Service GmbH

Der Sommer war geprägt von Flugausfällen und Verspätungen. Wie hoch ist der daraus entstandene Schaden für Geschäftsreisende und deren Unternehmen?

Rettig: Das hängt natürlich sehr stark vom Einzelfall ab. Der VDR hat hierzu eine nichtrepräsentative Umfrage gemacht und dabei Aussagen unserer Mitglieder bekommen, die von Schäden bis zu 50 000 Euro und darüber hinaus sprechen. Dabei geben diese Zahlen ja nicht einmal den Gesamtumfang ab, die indirekten Kosten dürften sehr viel höher sein.

Was ist das für eine Umfrage?

Gefragt wurden unsere ordentlichen Mitglieder, also Unternehmen, die ein Geschäftsreisemanagement installiert haben. Das sind in unserem Verband 300 Firmen, von denen wir gegenwärtig 60 Rückmeldungen haben. Wir wollen da gar nicht von einer repräsentativen Umfrage sprechen, aber eine Tendenz ist schon klar erkennbar: 40 Prozent der Befragten gaben an, von Verspätungen betroffen gewesen zu sein, weitere 40 Prozent litten unter Flugausfällen.

Wie viele Geschäftsflüge fielen aus? Und wie viele Termine platzten?

Das haben wir nicht nachgefragt. Die Organisation EU-Claim hat ja Zahlen veröffentlicht, wonach allein in diesem Jahr schon 15 000 Flüge ausgefallen sind. Wenn man weiß, wie wichtig Flüge für unsere Unternehmen – mehr als die Hälfte aller Unternehmen in Deutschland sind auf Flugreisen angewiesen, um Geschäfte erfolgreich abzuwickeln – dann ist das schon eine ganze Menge.

Was sind die Folgen davon? Werden Geschäftsreisende in Zukunft auf andere Verkehrsträger umsteigen?

Da kommen wir schnell vom Regen in die Traufe: Sowohl in der Luft, als auch auf der Schiene und der Straße haben wir große Probleme, was das große Zukunftsthema verlässliche Mobilität betrifft. Alternativen zum Flugzeug sind faktisch einfach nicht da.

Sind die Maßnahmen des Luftfahrtgipfels Ihrer Meinung nach ausreichend, damit sich so etwas nicht wiederholt?

Nein, die auf dem Gipfel formulierten 24 Punkte sind viel zu unspezifisch und zu wenig unterlegt mit konkreten Handlungen. Das Ganze verliert sich in allgemeinen Hinweisen und Erklärungen. Es fehlt an einem konkreten Zeitplan und an konkreten Maßnahmen, die durchgesetzt werden sollen.
 

Nennen Sie doch ein Beispiel, bitte.

Stellen wir einmal einen Punkt heraus: Die Sicherheitschecks. Da sind die Wartezeiten in Deutschland einfach viel zu lange. Der durchschnittliche Durchlauf bei den Kontrollen liegt in Deutschland bei 48 Passagieren pro Stunde, andere Länder in Europa schaffen 200. Da muss man sich schon einmal fragen, warum das so ist.

Und: Haben Sie eine Antwort darauf?

Das Problem sind die unterschiedlichen Geräte, Verfahren und Dienstleister. Wir brauchen ganz dringend eine Standardisierung im Prozess. An vielen deutschen Flughäfen kommen ja gleich mehrere verschiedene Geräte zum Einsatz. Wir brauchen eine Vorgabe der Politik, die sich auf einen solchen einheitlichen Prozess und einen einheitlichen Dienstleister verständigt und nicht den Flickenteppich, der gegenwärtig an deutschen Flughäfen herrscht - und der dazu führt, dass Sie am Airport Berlin ganz anders behandelt werden als beispielsweise in Frankfurt.

Welche Möglichkeiten hat der Verband solchen Forderungen Nachdruck zu verleihen?

Wir sind in Berlin ja präsent und sprechen mit den Beteiligten, um auf die Situation aufmerksam zu machen. Wobei viele Abgeordnete das Problem ja aus eigener Erfahrung sehr gut kennen. Dass es den Luftfahrtgipfel überhaupt gab beweist, dass das Problem bei der Politik längst angekommen ist.
 

Und dennoch bewegt sich nichts.

Es gibt natürlich eine gewisse Komplexität, die man nicht unterschätzen darf. Dennoch sollte unser Anspruch sein, auch für hochkomplexe Probleme schneller Antworten zu finden. Ein einheitliches Flugsicherungssystem in Europa beispielsweise fordern wir seit rund zehn Jahren, das muss die Politik deutlich schneller umsetzen. Man kann ja darüber streiten, dass es zu viel Wachstum im Luftverkehr gibt, aber wenn man dort Wachstum will, muss man auch die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen. Das gilt im Übrigen auch für andere Verkehrsträger wie Bahn oder Auto. Da muss die Politik an Geschwindigkeit gewinnen.

Sie kommen gerade von einer Konferenz zur Zukunft des Geschäftsreisemarkts. Wie sieht die aus?

Auf der – gemeinsam mit der GBTA abgehaltenen – Konferenz in Berlin können wir ganz gegenteilige Trends erkennen. Digitalisierung, künstliche Intelligenz, robotergestütztes Travel Management sind die großen Stichworte – alles mit dem Ziel, die Geschäftsreise schneller zu machen. Und das passiert längst auf der administrativen Ebene. Geschäftsprozesse werden in den Unternehmen beschleunigt und verschlankt, bei der Reisebeschaffungs- und Reiseabrechnungsprozess in den Unternehmen ist man richtig gut geworden – nur sobald man raus geht, in die wahre Welt, wird man von der Realität gebremst.

Abschließend bitte noch ein Wort zur Entwicklung des Geschäftsreisemarkts in Deutschland 2018.

Konkrete Zahlen können wir Ihnen erst im kommenden Frühjahr mit unserer jährlichen Geschäftsreiseanalyse liefern, da bitte ich um Geduld. Aber ein Trend ist natürlich schon erkennbar: Die Nachfrage nach Mobilität ist in jeder Hinsicht da und wir erwarten auch in diesem Jahr wieder ein Wachstum bei den Geschäftsreisen. Umso mehr ist es dem VDR ein Anliegen, dass da Thema verlässliche Mobilität von den Partnern endlich angegangen wird.

Sprechen Sie uns gerne an!

René Vorspohl | VDR
René VorspohlPR & Kommunikation | Pressesprecher

Verena Pingel | VDR
Verena PingelReferentin Digitale Medien